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Paulo Freire (* 19. September1921 in Recife; † 2. Mai1997 in São Paulo) war ein in Theorie und Praxis einflussreicher brasilianischerPädagoge und weltweit rezipierter Autor. Vor vielen Jahren begannen wir diesen Wikipedia-Eintrag

und der Beste, den ich grade im Netz dort fand:

Paulo Freire gestrickt

Gewaltlose Revolution durch Bildung

Paulo Freire, der Pädagoge der Unterdrückten – vonMiriam Auer

Paulo Freire wurde am 19. September 1921 als Sohn einer Mittelstandsfamilie im Nordosten Brasiliens geboren. Ende der 20er Jahre bekamen seine Familie und er die Folgen der Weltwirtschaftskrise zu spüren. Die schwierige existenzielle Lage der Familie verschärfte sich mit dem Tod des Vaters, als Paulo 13 Jahre alt war. Paulo wurde dadurch zu einem Kind des Hungers, das die Ungerechtigkeiten dieser Welt am eigenen Leib zu spüren bekam. Diese Kindheitserfahrungen waren der Grund für seine spätere Hingabe an eine Veränderung der Gesellschaft und der Welt.

Trotz der Schwierigkeiten, mit denen Freire in der Schule zu kämpfen hatte und materieller Not, gelang es ihm, ein Jurastudium abzuschließen. Durch seine Heirat mit einer Grundschullehrerin kam er in Kontakt mit Fragen der Erziehung. 1946 begann er, für den Sozialdienst des Arbeitgeberverbandes Alphabetisierungskurse für Fabrikarbeiter durchzuführen. Dies war der Anfang für Freires Konzept einer neuen Alphabetisierungsmethode, die später unter dem Titel Pädagogik der Unterdrückten beziehungsweise Bildung als Praxis der Freiheit weltweit bekannt wurde.

Mitte der 50er Jahre begann Freire an der Universität Geschichte und Philosophie der Erziehung zu lehren. Er startete erwachsenenbildnerische Aktivitäten, die sich bald im ganzen Land ausweiteten.

Anfang der 60er Jahre wurden aufgrund der Initiative der katholischen Kirche Freires Alphabetisierungsprogramme im Radio gesendet.

ur selben Zeit wurde im Nordosten Brasiliens mit einer offiziellen Alphabetisierungskampagne begonnen, und 1963 wurde Freires Bildungskonzept auf die nationale Ebene übertragen.

Die neuen Herrscher, die durch den Staatsstreich von 1964 in Brasilien an die Macht kamen betrachteten die „Methode Paulo Freire“ als staatsfeindlich und verboten sie. Die nach ihr arbeitenden Alphabetisierungsgruppen wurden geschlossen.

Freire musste seine Heimat verlassen, setzte aber seine Arbeit im chilenischen Exil fort. Es folgten Aufenthalte in den USA, und Anfang der 70er Jahre wurde Freire Berater für Bildungsfragen in Entwicklungsländern beim Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf. Außerdem arbeitete er beim Aufbau des Bildungswesens in Guinea-Bissau mit.
1980 konnte Freire in seine brasilianische Heimat zurückkehren. Er übernahm Lehrtätigkeiten an verschiedenen Universitäten und engagierte sich zunehmend auch politisch.

So war er Mitbegründer der oppositionellen „Partei der Arbeiter“ (PT) und arbeitete 1988-1991 als „Städtischer Sekretär für Erziehung und Bildung“ in São Paulo. In den folgenden Jahren wendete er sich in Vorträgen und Publikationen verstärkt den Themen „Umwelt“, „Globalisierung“ und „Neoliberalismus“ zu.

Mit seinen Büchern wurde Freire weltweit bekannt. Sein bekanntestes Buch, Pädagogik der Unterdrückten, erschien 1970 und wurde in 18 Sprachen übersetzt. Auch seine anderen Publikationen erschienen in verschiedenen Sprachen, wurden in vielen Ländern aber verboten.

Dort wurden sie teilweise abgeschrieben und von Hand zu Hand weitergegeben. In Europa beeinflussten die Gedanken Paulo Freires alle pädagogischen Bereiche: Sozialarbeit, Erwachsenenbildung, Schule, Kindergartenarbeit, außerschulische Jugendbildung.
Vortragsveranstaltungen, Konferenzteilnahmen und Beratertätigkeiten führten Freire rund um den Globus. Zu den zahlreichen Auszeichnungen, die er erhielt, zählt der Prize for Peace Education der UNESCO (1996).

Er wurde als Kandidat für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen und mit fast 30 Ehrendoktortiteln ausgezeichnet. Die ihm von der Universität Oldenburg Anfang 1997 verliehene Ehrendoktorwürde konnte er nicht mehr entgegennehmen. Freire starb am 2. Mai 1997 in São Paulo.

Die Inhalte der „Pädagogik der Unterdrückten“

Paulo Freire gilt heute als der bedeutendste Volkspädagoge der Gegenwart. Er setzte Alphabetisierungskampagnen in den Slums und Landarbeitersiedlungen Brasiliens durch.

Mit dem von ihm entwickelten Alphabetisierungskonzept war es möglich, innerhalb von 40 Unterrichtsstunden lesen und schreiben zu lernen. Er wollte damit aber nicht nur erreichen, dass die Menschen rein das Lesen und Schreiben beherrschen, sondern sah den Prozess der Alphabetisierung und der Bildung als unabdingbares Mittel zur Selbstbefreiung.

Er selbst bezeichnete sich als Radikalen und forderte Radikalisierung, da diese in Zusammenhang mit kritischem Geist immer schöpferisch wirkt.
Freire teilte die Gesellschaft in Unterdrücker und Unterdrückte ein, wobei die Bevölkerungsmehrheit die Seite der Unterdrückten darstellt und die wenigen Herrscher, die Eliten, die Position der Unterdrücker einnehmen.

Freires Bildungskonzept zielt darauf ab, dass die Unterdrückten der so genannten „Dritten Welt“ sich ihrer Lage bewusst werden. Bewusstwerdung, Aktion und Reflexion sind die Schlagworte Freires „Pädagogik der Unterdrückten“. Die Gegenwart bewusst reflektieren, um dann gemeinsam agieren zu können.

Die konkrete Situation, die die Unterdrückung erzeugt, muss verändert werden. Seine Pädagogik ist als Teil eines Kampfes gegen Unterentwicklung, Ohnmacht und Elend zu sehen. Freiheit sah Freire als Grundvoraussetzung im Kampf um die Erfüllung des Menschen, als Bedingung zur Menschwerdung. Vorschriften schränken diese Freiheit ein, da sie von jemanden erlassen und einem anderen aufgezwungen werden.

Ziel ist die gewaltlose Revolution durch Bildung. Dies erklärt auch Freires Verhaftung in Brasilien nach dem Staatsstreich 1964 und seine Ausweisung, denn durch seine Pädagogik sollte sich die Bevölkerung ihrer Position der Unterdrückung bewusst werden und durch Aktion zur Revolution führen. Durch das Lernen an und in der individuellen Lebenssituation entwickelte Freire seine Erziehung zur Selbstbefreiung, die er als einziges Mittel sah, die Menschen vor der Entmündigung durch Lehrer, Regierende und Unterdrücker zu bewahren.

Um dies zu erreichen, beschrieb Freire in seiner „Pädagogik der Unterdrückten“, welche Form von Bildung und Alphabetisierung er verlangt, damit die Menschen zur Selbstbefreiung gelangen. In seiner Analyse vom Lehrer-Schüler-Verhältnis kritisierte er die Übermittlungsarbeit der Lehrer, die dazu führt, dass die Schüler die Inhalte reflektionslos aufnehmen.

„Denn ohne selbst zu forschen, ohne Praxis,
können Menschen nicht wahrhaft menschlich sein.“

Bei Freire ist wahre Bildungsarbeit erst gegeben, wenn der Lehrer-Schüler-Widerspruch aufgelöst wird und beide gleichzeitig Lehrer und Schüler sind. Durch den Dialog zwischen Schüler und Lehrer ist nicht mehr nur der Lehrer, der lehrt, sondern einer, der selbst von den Schülern belehrt wird, die ihrerseits widerum lernen, während sie belehrt werden.

Die von Paulo Freire konzipierte problemformulierende Bildungsarbeit entwickelt im Menschen die Kraft, die Wirklichkeit kritisch zu erkennen und nicht aktionslos zu akzeptieren. Somit kann sie auch verändert werden. Der Dialog ist das Hauptelement der „problemformulierenden Bildungsarbeit“. Lehren ist dann Problematisieren, nicht Programmieren mit fremdem Wissen und Beschreiben fremder Wirklichkeit, Lernen ist dann Erkenntnisvorgang und Veränderung des Lebens.

Die Pädagogik Freires richtet sich nicht nur gegen Armut und Ausbeutung, sondern fordert genauso unsere Bildungssysteme in Europa heraus. Der Prozess der Bildung ist Teil der unveräußerlichen Menschenrechte, einschließlich der sozialen, kulturellen und ökonomischen Grundrechte.

Miriam Auer

Quellen:
www.inwent.org/E+Z/1997-2002/ez101-7.htm
Paulo Freire: Pädagogik der Unterdrückten, Bildung als Praxis der Freiheit – Rowohlt – Hamburg, Oktober 1973

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